Kapitel 39, 40, 41, 42

Auszug aus dem Roman Calcata.
alle Rechte: Braumüller Verlag, Wien & Mike Markart
 

39
Vittorio setzt sich, während ich eine Flasche Rotwein öffne. Ich stelle zwei Gläser auf den Küchentisch und gieße sie halb voll. Dann setze ich mich auf den Sessel, der ihm gegenüber steht.
Wohnst du nicht mehr in Rom?, fragt er mich.
Der blinde Vittorio sieht mich an wie früher. Als würde er mich sehen können.
Nein, ich bin vor einiger Zeit weggegangen, sage ich.
Damals?, fragt Vittorio.
Ja, sage ich.
Ich erzähle Vittorio von den geheimnisvollen Vorgängen in Calcata.
Dass der Ort seine Bewohner ausgeatmet hatte, bis nur mehr Giovanni und ich übrig waren.
Und dass Calcata daraufhin eine Tür geöffnet hat, welche Flüchtende aus allen Teilen der Welt haben nutzen können.
Ich erzähle von Emilio Persichettis Aufzeichnungen.
Seinem Tod vor wenigen Wochen.
Vittorio und ich sitzen uns eine Zeitlang schweigend gegenüber.
Ich hatte lange Zeit nichts anderes als jene schrecklichen Bilder, die sich an die Innenseite meiner Stirn gezeichnet hatten, als die Stöcke auf der Piazza Navona auf meinen Kopf niedergegangen waren, unzählige Male, sagt Vittorio dann.
Ich fürchtete, das sei das Bild meines restlichen Lebens.
Davon erzählte ich.
Ich war ein Mahnmal, wenn ich die Manege betrat.
Bis wir vor einiger Zeit nach Baldoria kamen.
Es war ein mühevoller Aufstieg für uns.
Mit all dem, was wir mit uns führen.
Ich denke, ich bin niemals zuvor in einem ähnlich entlegenen Ort gewesen, sagt Vittorio. Wenngleich wir auf unserer Reise durch das Land weit und immer weiter in seine Nischen und seine Winkel hinein vordringen.
Unseren Zug führen Fabrizio und Pasqualina an. Das ist ihre Arbeit, die sie für den Zirkus machen.
Nicht jeder stellt sich in die Manege, um etwas vorzuführen oder zu erzählen, wie ich. Während der Vorstellungen sitzen die beiden manchmal im Publikum.
Oder sie gehen herum.
Erkunden die Wege der Umgebung.
Denn Gehen ist ihre Leidenschaft.
Jeder Weg ist anders, sagen sie, jeder Weg fühlt sich anders unter den Füßen an. Und die Fußsohlen der beiden sind ständig neugierig.
Niemals können sie genug davon bekommen.
Vom Gehen.
Von den Wegen.
Sie haben große Erfahrung, sie gehen sicher und so zügig, wie es uns mit den Wägen und dem Gepäck möglich ist.
Sie können Straßenverhältnisse und was sich daraus entwickeln kann, zuverlässig einschätzen.
Das ist unverzichtbar für uns. Schließlich muss eine Strecke für den gesamten Zirkus zu bewältigen sein.
Bevor wir also vor einiger Zeit nach Baldoria kamen, waren wir in Cangelosi aufgetreten.
Ein großartiger Abend, sagt Vittorio. Nickt für sich.
Genießt die Erinnerung daran.
Und wie immer fragten wir nach der Aufführung nach dem nächsten
größeren Ort.
Das hat sich bisher gut bewährt.
Die Menschen können schließlich ihre weitere Umgebung gut einschätzen, und ihre Empfehlungen sind immer wohl überlegt, sagt Vittorio.

40
Ich staune darüber, mit welcher Ruhe und Sicherheit Vittorio erzählt. Der kleine, unruhige Vittorio aus der Via di Tor Millina. Mit dem ich die
Spiele des AS Roma besucht hatte bis zu dem Vorfall auf der Piazza Navona.
Seitdem bin ich kein einziges Mal mehr im Stadion gewesen.
Baldoria, sagte man uns in Cangelosi nach unserer Vorstellung, sei seit Jahrzehnten unbewohnt, aber am Ort vorbei nur eine Stunde weiter, selbst mit unserem großen Aufwand, versicherte man uns und mit unseren speziellen Eigenschaften, würde der Ort Neverio liegen. Diesen sollten wir ansteuern für unsere nächste Aufführung, unseren nächsten Aufenthalt.
Der Ort wäre wohlhabend aber gelassen und ständig von einer milden Brise durchwoben.
Wir nickten, fragten aber dennoch nach Baldoria. Wir wollten uns erzählen lassen, was die Geschichte dieses unbewohnten Ortes ist.
Schließlich sammeln wir Orte, sagt Vittorio zu mir.

41
Vittorio lehnt sich zurück.
Ich sehe ihm an, dass er entspannt ist. Dass es ihm gut geht.
Er greift zielstrebig nach dem Glas, muss nicht danach tasten, nimmt es und trinkt.
Und erzählt weiter.
Vor mehr als fünfunddreißig Jahren hätte es in Baldoria eines Nachts ein Erdbeben gegeben.
Sagte man uns.
Dieses hätte keiner der Bewohner des Ortes überlebt. Den Menschen sei nicht einmal genug Zeit geblieben, ihre Türen zu öffnen und zu versuchen, ins Freie zu gelangen.
Die meisten schafften es nicht einmal aus dem Bett, erzählte man uns weiter.
Manche seien wohl nicht einmal erwacht, um mitzuerleben wie sie sterben. Das war vielleicht das Gute an dieser schrecklichen Situation, sagt Vittorio.
Er verharrt einen Moment und blickt mit seinen blinden Augen kurz in mein Gesicht. Könnte er noch sehen, hätten sich unsere Blicke genau getroffen.
Von den Häusern sei schon damals nichts geblieben, nur Ruinen. Und niemand hätte Interesse daran gehabt, den Ort wieder aufzubauen.
Der Ort sei ärmlich gewesen.
Hätte von ein wenig Landwirtschaft gelebt.
Touristen hätte es keine gegeben, die sich in den Ort verirrt hätten. Niemand hatte sich also etwas davon versprochen, Baldoria erneut zu errichten.
Selbstverständlich nicht, wem sollte mühsame und uneinträgliche Landwirtschaft, Staub und Abgeschiedenheit auch Anreiz für so ein aufwändiges Unterfangen sein?
Inzwischen seien auch diese Ruinen immer weiter in sich selbst hinein versunken.
Wie hingehockte, trauernde Menschen sähen sie aus, sagte man uns in Cangelosi.
Ein angedeutetes Erinnern aus Stein.
Mehr nicht, sagt Vittorio.
Wir zogen sofort los. Nutzten die Nacht, in welcher wir am sichersten sind und am schnellsten voran kommen, weil unser Zug die Straßen, die Wege für sich allein hat.
Fabrizio und Pasqualina führten uns den steilen und gewundenen Weg hinauf. Wir wussten, dass wir uns auf sie verlassen können. Wenngleich wir uns darüber wunderten, wie beschwerlich die Strecke war.
Viel beschwerlicher als sonst.
Aber wir hatten keinen Grund, an Fabrizio und Pasqualina, die vorangingen und die unser Gehen betreffenden Entscheidungen trafen, zu zweifeln.
Einiges von dem, was wir mit uns führen ist sehr schwer und auf unwegsamem Gelände nur mit großer Kraftanstrengung voran zu bringen. Dennoch konnten wir die Waldreben riechen, hörten das leise Klappern des Mandelbaumes.
Unsere Sinne, sagt Vittorio, machen ganz weit auf und fangen jeden Hauch, jede Ahnung ein.
Wir waren die ganze Nacht unterwegs und als die ersten Geräusche des Morgens aus den Gebüschen, den Bäumen hochschreckten, fragten wir Fabrizio und Pasqualina, wie lange wir wohl noch zu gehen
haben würden. Der Weg ist für die beiden eine Beschreibung.
Sie lesen ihn.
Darum wunderten sie sich nicht über unsere Frage, sondern gaben bereitwillig Auskunft.
Wie ich den Weg verstehe, sagte Pasqualina, werden wir den nächsten Ort, Baldoria, die unbewohnte Stadt, die Ruinen, zu Mittag erreichen. Fabrizio brummte nur leise zur Bestätigung.
Wir waren zu diesem Zeitpunkt bereits am Ende unserer Kräfte angelangt und natürlich wenig erfreut über diese Auskunft.
Wir hatten gehofft zu hören, dass die beiden den Ort bereits unter ihren Füßen spüren können.
Nur noch wenige Minuten, wir können schon Einträge über die Ruinen lesen. Das hätte uns geholfen. Denn wir hatten uns vorgenommen, in Baldoria Station zu machen, um am nächsten Tag ausgeruht nach Neverio zu kommen. Schließlich führen wir alles mit uns, was wir brauchen.
Oft machen wir mitten auf der Strecke von einem Ort zum anderen eine längere Pause, um uns zu erholen.
Aber der Aufstieg nach Baldoria war so steil, dass es unmöglich war, daran zu denken, unsere Wägen und alles andere abzustellen. Selbst wenn es uns gelungen wäre, alles zu sichern und damit zu verhindern, dass die Wägen den Berg hinunter sausen, wäre es unmöglich gewesen, sie in diesem steilen Gelände erneut in Gang zu bringen. Dann hätte es für uns weder ein Vor noch ein Zurück gegeben.
Denn dass es dann auch keinen kontrollierten Abstieg geben würde, war uns bewusst.
So setzten wir unsere Schritte in den Staub, schoben und zogen und hatten bald aufgehört zu sprechen. Jeder konzentrierte sich darauf, diese Stunden, die noch vor uns lagen, so gut wie möglich zu bewältigen.

42
 
Ich zähle immer, sagt Vittorio zu mir, dann vergeht die Zeit schneller. Ich zähle ganz langsam bis sechzig. Bin ich bei sechzig angekommen, weiß ich, dass fünf Minuten vergangen sind.
Oder sogar noch mehr.
Keinesfalls weniger, denn ich zähle wirklich ganz langsam.
Stunden später dachte ich aufgrund meines Zählens und des sich daraus ergebenden Ergebnisses, dass wir es nun bald geschafft haben müssten.
Und in der Tat, fast im selben Augenblick sagte Pasqualina: Wir haben die ersten Notizen des Ortes betreten. Nur noch eine Kehre, dann haben wir die Ebene erreicht.
Dort können wir die Wägen abstellen.
Ich hörte, wie viele der anderen vor Erleichterung laut ausatmeten.
Fabrizio und Pasqualina hatten wie immer recht, es dauerte nur mehr einige Minuten allergrößter körperlicher Anstrengung, bis wir unsere brennenden Muskeln entspannen und uns endlich auf einer Ebene außerhalb der Stadt in den Staub setzen konnten.
Eine Zeitlang atmeten wir nur.
Und langsam kam mein aufgeregter Herzschlag zur Ruhe.
Im selben Ausmaß wie es in mir leiser wurde, konnte ich die Umgebung besser wahrnehmen.
Die Luft war erfüllt von einer Vielzahl von Gerüchen, durchzogen von üppig erzählenden Geräuschen.
Wie wundervoll verschwenderisch die Welt doch sein kann, dachte ich in diesem Moment. Es war mild, aber nicht heiß, was unseren ausgepumpten Körpern sehr entgegen kam.
Erst nach einiger Zeit fiel mir auf, dass die Geräusche, die von der Natur herrührten, durchzogen waren von Gesprächen. Ich konnte eine Vielzahl von Stimmen wahrnehmen, die nicht zu uns gehörten.
Das hatte ich nicht erwartet, denn schließlich sollte Baldoria seit langem ausgestorben, in sich zusammengekauert ganz oben auf dem Berg zur Ruhe gekommen sein.
Fabrizio und Pasqualina bemerkten diesen Umstand ebenfalls.
Inzwischen waren wir ausgeruht.
Unsere Wägen hatten wir auf dem Platz außerhalb der Stadt festgemacht.
Fabrizio und Pasqualina entschlossen sich, ins Innere des Ortes hinein zu gehen.
Ins Ausgeräumte.
Zu den Ruinen.